Küchenteufel – Er kocht, sie schreibt.

In was für einer Welt wir leben

Neulich, als ich in einer benachbarten größeren Stadt in der Einkaufspassage unterwegs war, passierte es: drei Männer schlugen auf einen einzelnen Mann ein, bis der zu Boden ging. Schlugen bis er zu Boden ging? Ja, nur bis dahin.

Danach traten sie zu.

Früher, als selbst das asoziale Pack noch einen Hauch von Respekt im Leib hatte, gab es eine Regel: wer am Boden liegt, hat Welpenschutz. Punkt. Eine Rauferei, eine Schulhofprügelei, eine Kneipenschlägerei ist sofort zu Ende, wenn einer am Boden liegt.

Heute ist das anders. Das Ziel scheint zu sein, den anderen im Zweifel bis in den Tod zu prügeln. Raserei, blinder Hass, Zerstörung bis zum Tod. Wir leben in einer Welt der Verrohrung und der Respektlosigkeit vor anderen Menschen.

Das ist nicht nur bei Schlägern so. Es zieht sich durch alle Schichten und die Gesellschaft. Geht man über den Bürgersteig und kommen einem anderen entgegen, wird der kleine Raum zum Austragungsort eines Machtkampfes. Weichen? Zur Seite treten, um den anderen vorbei zu lassen? Seine drei-Personen-nebeneinander-Position aufgeben, um Platz für Entgegen kommende zu machen? Nein. Lieber anrempeln, den Ellbogen ausfahren und sich im Anschluss beschweren.

In einer Schlange vor der Kasse einfach mal den anderen vorlassen, wenn man zeitgleich ankommt? Bloß nicht! Man könnte ja einen Zeitnachteil haben. Huhuuuu, drei Minuten später aus dem Supermarkt gehen. Es wäre ja ein Zeichen von Schwäche, von Unterlegenheit, wenn man freiwillig nachgibt.

Ist es das? Ist es mittlerweile für viele ein Zeichen von Schwäche, wenn man höflich ist? Ist es nicht einfach nur traurig, wenn man seine Position, sein Selbstwertgefühl daraus zieht, einem anderen das Gefühl vermitteln zu wollen, man sei dominanter?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Wort “Opfer” als Schimpfwort gebraucht wird. In der Jugendliche sich gegenseitig als Opfer bezeichnen als Synonym dafür, dass sie vermeintlich unterlegen sind.

Gleichzeitig brüllen sie nach Respekt, wollen “mit Respekt behandelt werden”. Und haben schon selbst verlernt, wie das gegenüber anderen geht. Sie gehen durch die Welt und treten dem Gegenüber erstmal “abcheckend” entgegen, schlagen dem anderen verbal oder körperlich einen vor den Bug, um “klar zu machen, wer hier was zu sagen hat”. Position beziehen durch Krallen zeigen, bevor man überhaupt weiß, wie der andere drauf ist.

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns suggeriert, dass man immer stark sein muss, um seine Position zu sichern, die man sich erkämpft hat. Dem anderen keinen Raum geben, um nicht übervorteilt zu werden. Der andere könnte ja sonst vielleicht stärker werden und den eigenen Platz einnehmen.

Wir gehen durch die Welt und verhalten uns, als ob es keine Verantwortung mehr gäbe, die wir übernehmen müssten – außer für uns selbst. Gemeinwohl, gesellschaftliche Verantwortung, Wir-Gefühl, Solidarität, Gemeinschaft sind Worte, die bei vielen heute nur noch Unverständnis hervorrufen. Warum für den anderen einstehen? Für mich macht das ja auch niemand!

Tja, warum wohl.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer hatte ich bei der Schlägerei, die ich oben nannte: Aus allen Richtungen kamen Passanten angerannt und griffen ein. Eine Frau rannte mit mir mit und sagte, sie würde jetzt die Polizei rufen. Eine Streife kam jedoch schon angefahren. Zufällig.

Zugeschaut ohne einzugreifen oder Hilfe zu holen, haben die wenigstens. Die meisten zeigten Zivilcourage. Das gibt ein bisschen Hoffnung, dass es für unsere Gesellschaft noch Hoffnung gibt.

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Über Barbara

Sie schreibt. Wenn sie nicht isst. Oder kreativ ist.

5 Kommentare zu “In was für einer Welt wir leben

  1. Kat
    16. Mai 2012

    Oh je, das sagst du was. Alles Sachen, die mir immer wieder negativ auffallen. Keinen Platz machen, an der Kasse nicht zurück treten, Opfer (da hatte ich schon heiße Diskussionen mit dem Nachbarssohn), Respekt …

    Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das nicht schlimmer sondern irgendwann wieder besser wird.

    Viele Grüße, Kat

  2. Wortteufel
    18. Mai 2012

    Ich hoffe ja, dass in den Schulen, Jugendzentren viel Präventionsarbeit geleistet wird, um dem langfristig vorzubeugen. Und dass den Kindern und Jugendlichen von heute wieder mehr Selbstbewusstsein und Respekt vermittelt wird – bzw. den Eltern die Notwendigkeit, sich mit ihren Kindern aktiver auseinander zu setzen, statt sie zu verhätscheln oder zu vernachlässigen.

  3. Earny from Earncastle
    19. Mai 2012

    schlimm, dass viele zunehmend egoistischer und rücksichtsloser leben..

  4. Danny
    20. Mai 2012

    Gut geschriebener Text, der sehr zum Nachdenken anregt. Tatsächlich ist heutzutage leider vieles nicht mehr so wie früher – was auch mir immer wieder auffällt. Nicht selten kommt mir der Gedanke, wie ich meine Kinder später in so einer Welt vernünftig großziehen soll, denn sowas färbt glaube ich leider schneller ab als einem lieb ist.

    Zu der Sache mit der Zivilcourage: Es ist selbstverständlich, dass man hilft, wenn man Zeuge einer Schlägerei wird. Allerdings auch mutig in Zeiten wie diesen – denn wie oft wurden schon gutmütige Menschen, die nur helfen wollten, am Ende selbst zum Opfer (den Begriff diesmal im richtigen Kontext verwendet…) und mussten Angst um ihr Leben haben?

    Arme, traurige, kaputte Welt…

  5. herrsocke
    22. Mai 2012

    Genau so ist es. Leider! Ich werde inzwischen immer stutzig – oder bekomme es manchmal gar nicht richtig mit – wenn ich Menschen begegne, die mir bspw. an Kassen oder im Strassenverkehr den Vortritt lassen möchten…umgekehrt passiert es genauso…ich habe keine unnötige Hektik oder ‘gefährliche’ Eile(gigantisch gefährlich finde ich dabei z.B. gewisse Überholmanöver, die scheinbar nur den Zweck zu haben scheinen, anderen einfach nur Angst zu machen… an der nächsten Ampel sieht man diese Irren dann meist sowieso wieder) und lasse/winke oftmals Leute vorbei – wo auch immer – und diese sind dann genauso erstaunt wie ich im umgekehrten Falle…
    Aber ein Grossteil unserer Gesellschaft ist einfach nur noch egoistisch, auch getrimmt von den diversen(Unterhaltungs- und vermeintlichen Bildungs-)Medien die uns(fast) täglich suggerieren bzw. beinahe schon vorschreiben wollen, dass man den grösstmöglichen persönlichen Erfolg ohne Rücksicht auf Verluste(Gnade, was ist das?) zu erreichen hat(bzw. dies andersweitig gar nicht mehr möglich ist)… – der Klassiker bleibt aber wirklich: man WIRD geschubst und muss dann inzwischen schon froh sein, wenn man, weil man “im Weg stand”, keine in die Fresse bekommt…
    I

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Mai 2012 von in Küchengeplauder, Thekengebabbel.

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