Jetzt, kurz vor den besinnlichen Tagen, in dieser von Frieden und Nächstenliebe geprägten Adventszeit, ist es wieder soweit: die alljährliche Baumjagd beginnt.

An allen Ecken und Enden kann man eingezäunte Halbwälder bestaunen, zwischen denen fest vermummte Tannendealer den Menschen eine Fichte für eine Tanne vormachen wollen. Ihr Kinderlein kommet und zahlet zuhauf.

Nur unter Protest öffnen sich da Netze, um den Wuchs und die Dichte des Wunschbaums begutachten zu können. Und Dramen spielen sich ab. Schon so manche Ehe fand unter dem Baum ihr Ende, weil Papa und Mama sich nicht auf einen Baum einigen konnten.

Mama ist er nicht elegant genug, Papa findet den dritten Zweig von oben zu schepp. Mama nörgelt rum, weil sie schon ganz verpiekte Hände vom Halten hat, während Papa um den Baum rennt und nach der Nadel im Baum sucht.

“Die Nachbarn haben aber einen viel größeren”, sagt Papa.
“Na und, der Nachbar hat ja auch einen viel größeren als du”, sagt Mama.

Scheiß auf den Götterboten, hoch lebe die gute Nachbarschaft. Bei Glühwein in der Hofeinfahrt sind alle wieder munter und Papa rächt sich mit den Kugeln der Nachbarin. Bauuuum fällt.

Doch trotz allem muss der Baum her. Der Baum. Nicht irgendeiner, sondern der Baum der Bäume. Der beste und schönste und tollste, der jemals im heimischen Wohnzimmer gestanden und genadelt hat.

Seit zwei Wochen fährt Papa jeden Abend durch die Dörfer und vergleicht das Angebot. Immer mit der Kamera im Anschlag checkt er die offerierten Bäume und zeigt auf Großleindwand im heimischen Wohnzimmer die Ergebnisse der Familie. Diskussion inklusive.

Hat man sich dann auf einen Händler im vierzig Kilometer entfernten Dörfchen geeinigt, fahren Mama und Papa mit Anhänger hin und setzen das fort, was in den vier Wochen schon fleißig begonnen wurde: das Drama nimmt seinen Lauf.

Nach fünf Stunden Baumtatschen und Fichtenschwingen gibt der Händler auf und kramt seinen Flachmann aus der untersten Schicht, die er seit drei Wochen nicht mehr gesehen hat. Ausgepackt wird schließlich erst zu Weihnachten. Geduscht dann auch.

Mama will auch eher zum Nachbarn, als noch weiter den Weihnachtsbaum aussuchen und Papa wird nicht müde, jedem Baum, der gekauft vom Stand geschleppt wird, neidisch hinterher zu gucken und zu sagen, dass der eigentlich der richtige gewesen wäre.

Mama fragt dann irgendwann bei jedem Baum, ob sie den denn jetzt bitte nehmen und Papa fragt entnervt zurück, ob sie denn überhaupt wisse, um was es da gehe. Nämlich um die Ehre.

Mama sagt, sie fände ja, dass es um Weihnachten ginge und Papa sagt, dass sie ihm auch noch den letzten Spaß an den Festtagen verderben wolle, und überhaupt käme ja auch noch die Familie und da könne man ja nicht mit einer Minitanne aufwarten. Und Alkohol müsse er auch noch holen, um seine Schwiegermutter überhaupt ertragen zu können.

Ihre Mutter sei nicht das Problem, sagt sie. Eher der verzogene kleine Sohn seiner Schwester, der immer die Knochen der Weihnachtsgans auf den Boden schmeißen würde, damit die Katze daran ersticke. Man solle dieses Gör doch bitteschön mal selbst die Knochen fressen lassen, damit Ruhe sei.

So geht das dann die nächste Stunde so weiter, bis Mama genervt zum Auto rennt, nicht ohne sich eine Tasse Glühwein beim Stand nebenan geholt zu haben. Papa ist auf 180, weil er fahren muss und keinen Glühwein zur Betäubung trinken kann, schnappt sich den erstbesten Baum und bezahlt 76 Euro für 3 Meter Nordmanntanne.

Schweigend fährt man nach Hause, packt den Baum aus. Nur um festzustellen, dass die Deckenhöhe von 2,60 Meter doch ein wenig zu optimistisch betrachtet waren für den 3-Meter-Baum. Also wird kurzerhand die Spitze abgeschnitten.

Dann bemerkt Muttern mit hochgezogener Augenbraue, dass der Baum einen Knick hat und Vater muss so lange den Christbaumständer drehen, bis die Flucht stimmt und man den Knick versuchen kann zu ignorieren.

Die Kinder kommen nach Hause, gucken den Baum an und sagen, dass sie abends eigentlich mit Freunden Geschenketausch machen wollen, weil sie ja eh jedes Jahr nur so einen Schrott bekämen, den keiner haben will.

Die Kinder bekommen Stubenarrest bis Heiligabend, Mutter geht zur Selbsthilfegruppe und Vater in die Kneipe. Heiligabend haben sich alle wieder lieb, sitzen um den Baum und finden, dass er der schönste sei, den sie jemals hatten.

Wer will schon einen perfekten Baum, wenn er einen mit Charakter haben kann. Besinnliche Vorweihnachtszeit, liebe Leser!